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Nach dem nicht dagewesenen Winter

Nach dem nicht dagewesenen Winter

Der Schnee in Petersburg ist schon geschmolzen, ohne allerdings bis zur Erde gefallen zu sein. Manchmal kommt die Sonne raus und ermuntert die hervorbrechenden Knospen auf den Rasenflächen. Die wiedergekommenen Saatkrähen und Rotkehlchen stehlen den Raben die Aufmerksamkeit der Vogelbeobachter an den Fenstern. Frühling also.

Während wir uns an den Rotkehlchen und den Sonnenstrahlen erfreuen, erstellen wir aber auch schon das Programm für die Freiwilligen im Projekt “Humanitäre Geste”, die im April anreisen. Im restlichen Matsch und bei einer Durchschnittstemperatur von 5 Grad über Null kann man sich leicht vorstellen, wie wunderbar Petersburg im April, Mai und Juni sein wird. Die Sonne schaut ab und an vorbei und erinnert uns daran, dass es schon bald richtig warm werden wird und wir schon bald “den Sommerschal und die Sommermütze” aus dem Schrank holen können.

Das neue Programm, an dem wir arbeiten, enthält viele Veränderungen. Beispielsweise wurde der “Vorbereitungsmonat” in viele kleine Stückchen geteilt und sieht nun so aus: In den ersten beiden Wochen intensives Kennenlernen und Vorbereitung, im Weiteren dann Vertiefung, die bereits mit der Arbeit im Projekt verknüpft ist. Lernen durch Praxis ist schließlich ein endloser Kreis: Wenn du von der theoretischen Seite auf die Arbeit schaust, ist alles klar. Sobald du aber anfängst zu arbeiten, kommen auch schon die Fragen. Du veranstaltest ein Seminar, diskutierst, findest eine Lösung. Am nächsten Tag wendest du sie in der Praxis an. Super! Und wieder – ein neuer Begriff, neue Informationen. Du guckst in ein Buch, schlägst im Wörterbuch nach. Du fragst die Kollegen und Projektpartner. Du freust dich über dein neues Wissen. Das bezieht sich natürlich nicht auf die Russischkurse – diese finden über die ganze Programmlaufzeit konstant zweimal pro Woche statt.

Außerdem funktioniert das Programm jetzt nach einem Punktesystem: Jede Veranstaltung wird dabei gewichtet. Für das erfolgreiche Durchlaufen des Programms ist es nötig, an allen Hauptprogrammpunkten teilzunehmen und mindestens 80 von 100 Punkten zu sammeln. Wie an den Universitäten, die nach dem Bologna-System arbeiten, kann man auch unser Programm “mit Auszeichnung” oder “gut” abschließen – oder aber gerade noch auf den letzten Waggon aufspringen. Diejenigen, die das notwendige Minimum an Punkten nicht erreichen, erhalten anstelle eines Zertifikats nur eine Teilnahmebestätigung.

Es wird noch eine weitere Bildungskomponente in unserem Programm geben – bei Museumsbesuchen erfährt man schließlich nicht alles über die Blockade. Einfach selbst in Büchern nachzulesen ist auch nicht der spannendste Weg. Darum treffen wir uns alle paar Wochen, um uns in eine interessante Frage zu vertiefen, über die normalerweise wenig gesprochen wird – wie etwa über die Geschichte der Katzen, die für den Kampf gegen die Ratten extra aus Jaroslawl nach Leningrad gebracht wurden. Wir bereiten uns im Voraus auf das Treffen vor: Jede Gruppe erarbeitet einen Aspekt und teilt ihr neu erworbenes Wissen dann mit den anderen Teilnehmenden. Damit es noch interessanter wird, gibt es eine zusätzliche Spielregel: Das Material kann in einer beliebigen Form gezeigt werden – außer in einer PowerPoint-Präsentation =)

Die Treffen mit den Blokadniki und Blokadnizy werden in den Blockadegesellschaften, -vereinen und in sozialen Zentren stattfinden. Einige Blockadeüberlebende möchten die Freiwilligen auch zu sich nach Hause einladen. Wir bekommen bereits Anrufe mit Fragen wie: “Wann kommen denn endlich eure Freiwilligen?” Obwohl sie die Teilnehmenden des Programms noch nicht kennen, bereiten sich die Männer und Frauen, die die Blockade überlebt haben, schon auf die Treffen mit ihnen vor und suchen alte Fotos raus. Nur Piroggen haben sie bisher noch nicht gebacken – was auch gut ist, denn schließlich sind es noch anderthalb Monate bis zum Start des Programms.

Bei so einem reichhaltigen Programm ist es unmöglich, von vornherein etwas zur Ablenkung und Unterhaltung zu planen, das zugleich aber auch nützlich ist: Du wirst dennoch in die kulturelle Sphäre eintauchen! In der Zeit, in der ihr nicht arbeitet oder lernt, führen die russischsprachigen Teilnehmenden Sprachtandems durch.

Die große Frage ist jetzt natürlich: Wer sind diese Tandempartner/-innen von russischer Seite? Freiwillige? Dolmetscher/-innen? Sie sind Mentor/-innen. Sie organisieren selbst und werden selbst kreativ. Nicht nur bei den Kaffeepausen, sondern bei ganzen Veranstaltungen. Sie sind verantwortlich für das Kulturprogramm außerhalb des Projekts – für die Ermitage ebenso wie für die Bars. Wie lange muss man eigentlich in Petersburg leben, um diese feine Balance zwischen dem kulturellen, hochgeistigen Petersburger Leben und dem zu finden, das bei allen Spaziergängen aus der uliza Rubinsteina herausscheint?

Diese interessante und inhaltsreiche Programm erwartet euch von April bis Juni. Wir hoffen sehr, dass der traditionelle Schneefall im Mai weder uns noch unsere Teilnehmenden in irgendeiner Weise bekümmert.