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Das Tagebuch von Tanja Sawitschewa

Das Tagebuch von Tanja Sawitschewa

Alle Schülerinnen und Schüler in Sankt Petersburg kennen ihren Namen: Tanja Sawitschewa. Der Name eines Mädchens, das ein kurzes, aber dafür umso entsetzlicheres Tagebuch führte. Dieses Tagebuch wurde zu einem der Symbole für die Blockade.

Tanja wurde im Jahr 1930 geboren und wuchs in einer kinderreichen Familie in Leningrad auf: Sie hatte zwei Schwestern und zwei Brüder. Nach dem Tod des Vaters ruhte die Verantwortung für die Versorgung der Familie auf den Schultern der Mutter, einer Stickerin.

Als der Krieg begann, hatte Tanja gerade die dritte Klasse beendet. Im Sommer wollte die Familie eigentlich zu Verwandten aufs Land fahren, aber das schafften sie schon nicht mehr. Nur Bruder Michail hatte die Stadt verlassen. Die anderen Familienmitglieder blieben in Leningrad, wo sie auch den Beginn der Blockade erlebten.

Das Tagebuch von Tanja Sawitschewa besteht aus einem Notiz- und Telefonbuch. Es hatte der älteren Schwester des Mädchens gehört. Bei den entsprechenden Buchstaben machte Tanja mit einem einfachen Bleistift Eintragungen zum Tod ihrer nächsten Verwandten: Name, Datum und Zeit. Den ersten Eintrag machte sie am 28. Dezember 1941, nachdem ihre ältere Schwester Jewgenija gestorben war. Einen Monat später – eine Notiz über den Tod der Großmutter. Insgesamt gibt es neun Eintragungen. Das Tagebuch endet mit den Worten: “Die Sawitschews sind gestorben. Alle sind gestorben. Nur Tanja ist geblieben.”

Nach dem Tod der nächsten Verwandten übernahm eine Tante die Vormundschaft für das Mädchen. Oft ließ sie Tanja draußen auf der Straße, wenn sie zur Arbeit ging. Im Juli 1942 schließlich meldete sie das Mädchen in einem Kinderheim an, welches schon bald in die Oblast Nischni Nowgorod evakuiert wurde. Leider konnte Tanja Sawitschewa ihre vielzähligen Krankheiten nicht besiegen und starb am 1. Juli 1944.

Sie erfuhr niemals, dass nicht alle ihre Verwandten ums Leben gekommen waren. Ihre zweite Schwester Nina fand Tanjas Tagebuch, als sie nach dem Krieg nach Leningrad zurückkehrte. Nina war direkt von der Fabrik, in der sie gearbeitete hatte, evakuiert worden. Von Bruder Michail, der es geschafft hatte, zu den Verwandten aufs Land zu fahren, hatte es lange Zeit keinen Nachrichten gegeben, weshalb man ihn für tot gehalten hatte. Er hatte sich jedoch bereits zu Beginn des Krieges einer Partisaneneinheit angeschlossen, war schwer verwundet worden und wieder auf die Beine gekommen.

Tanjas Schwester Nina übergab das Original des Tagebuchs dem Museum für die Geschichte von Leningrad. Seine wohl bekannteste Kopie aber steht in einer Vitrine auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof.

In Sankt Petersburg kennt man die Adresse des Hauses, in dem die Familie Sawitschew lebte: 2. Linie der Wassili-Insel, Haus Nr. 13/6, Wohnung Nr. 1. Heute ist dies eine ganz normale Wohnung. An der Fassade des Hauses aber wurde am 27. Januar 2005, dem 61. Jahrestag der vollständigen Befreiung Leningrads von der Blockade, eine Gedenktafel mit folgender Aufschrift angebracht: “In diesem Haus schrieb Tanja Sawitschewa 1941/42 ihr Blockadetagebuch.”

Das Mädchen ging nicht weit von hier zur Schule: in die Schule Nr. 35 des Wassiljeostrowski-Bezirks. Heute gibt es an der Schule ein Tanja-Sawitschewa-Museum. Zu sehen sind dort Fotografien, Frontbriefe sowie Originale und Kopien von Alltagsgegenständen aus der Kriegszeit. Die Schulbank, an der das Mädchen vermutlich gesessen hat, wurde an das Museum für die Verteidigung und Belagerung von Leningrad übergeben.

An Kilometer 3 der “Straße des Lebens” bei Sankt Petersburg befindet sich ein Denkmal für das Tagebuch von Tanja Sawitschewa: acht Granitplatten, welche die Seiten des Tagebuchs abbilden.

Im Jahr 1971 entdeckte die sowjetische Astronomin Ljudmila Tschernych einen Asteroiden, der nach Tanja Sawitschewa benannt wurde: “2127 Tanya”.


Quellen:

Biografie von Tanja Sawitschewa auf der Website “Istoria.RF”: https://histrf.ru/biblioteka/b/kratkii-kurs-istorii-tania-savichieva 

Kurzporträt zu Tanja Sawitschewa auf dem Sender “Sankt Petersburg”: https://topspb.tv/news/2020/01/23/bol-semi-blokadnyh-strok-90-let-nazad-rodilas-tanya-savicheva/

Biografie von Tanja Sawitschewa auf der Website des Museums der Verteidigung und Belagerung von Leningrad: http://www.blokadamuseum.ru/resursy/entsiklopediya/tematicheskie-stati/imena-entsiklopediya/tanya-savicheva/