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Das Freiwilligenprogramm aus der Sicht der Teilnehmenden

Das Freiwilligenprogramm aus der Sicht der Teilnehmenden

Im Dezember endete das vierte Freiwilligenprogramm im Rahmen des Projekts „Humanitäre Geste“. Im heutigen Artikel veröffentlichen wir einige Zitate aus den ersten Erfahrungsberichten, welche die Freiwilligen direkt nach Abschluss des Programms geschrieben haben.

Das Verfassen eines Erfahrungsberichts gehört zu den Abschlussaufgaben der Freiwilligen nach Ende des Programms. Für die Texte gibt es keine besonderen Vorgaben; es kommt vor allem darauf an, in freier und schriftlicher Form über die Erfahrungen im Freiwilligenprogramm zu berichten.

Was war den Teilnehmenden in ihren Berichten besonders wichtig? Was bleibt ihnen im Gedächtnis?

Unsere russische Freiwillige Alina Kolomojzewa beginnt ihren Text folgendermaßen:

„… ich bekam eine Mail mit dem Satz: Herzlichen Glückwunsch, Sie gehören zu den Teilnehmenden des Freiwilligenprogramms der Humanitären Geste. Diese Nachricht war einfach umwerfend und mehr noch, denn ich begriff damals noch nicht, was für eine glückliche und erfüllte Zeit mich erwartet.

Ich erinnere mich, wie schüchtern wir in der ersten Zeit waren, wie gehemmt in den Gesprächen miteinander; ich erinnere mich auch, wie die deutschen Freiwilligen nach Petersburg kamen, wie wir ins Haus des Films und in die Akademie gingen. Wie wir Geschichten hörten und aufzeichneten, den Blockadeüberlebenden halfen, Vorträge besuchten und versuchten, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und der russischen Kultur zu verstehen. Ich erinnere mich, wie wir nach Orechowo und Losjewo fuhren und eine Vielzahl wunderbarer Orte besuchten. Wir wurden der Geschichte teilhaftig, lernten Zeitzeugen kennen und erfuhren aus erster Hand erschütternde, aber auch heldenhafte Geschichten. … wir wurden zu Freiwilligen, Freunden, Mitstreitern, Historikern und Dolmetschern.“

„Vor allem die Großherzigkeit und der Grundsatz, gemeinsam etwas Gutes zu tun, prägen dabei die Kommunikation und Zusammenarbeit. … Die Menschen, auf die wir während unseres Weges trafen, interessierten sich für uns und waren beeindruckt vom Programminhalt. Ab dem ersten Kennenlernen verschiedenster Blokadniki waren wir umgeben von liebevollen Gesten, die es uns so einfach machten, uns willkommen zu fühlen. Ob ein kräftiger Händedruck, warme Worte, ein Lächeln, ein kleines Geschenk oder sogar eine Einladung ‒ es waren großherzige und selbstlose Gesten. Ich hatte als Freiwilliger das Gefühl, dass die Organisation das richtige Mittel zwischen Gruppenidentität, Eigeninitiative und der geschichtlichen Einordnung unseres Dienstes gefunden hat. Dabei habe ich mich nie zurückgestellt gefühlt, sondern wusste immer, was von mir verlangt wurde. Zusätzlich ist mir sehr positiv die Zeit für Reflexion in den Teamstunden und den Ausflügen aufgefallen. Das ganze Programm vermittelt Humanitarismus, einen offenherzigen und sozialen Umgang.“

Martin Schnitzer, deutscher Teilnehmer des Freiwilligenprogramms im Herbst 2021.

„Das Programm bereicherte mich um Erfahrungen im Umgang mit älteren Menschen, wobei ich mehrere Fähigkeiten erwarb, die für das Leben wichtig sind. Die wichtigste davon ist wohl eine optimistische Sichtweise auf das Leben – eine gutmütige Einstellung gegenüber den Menschen, sogar in den katastrophalsten Situationen. Viele Blokadniki haben unglaubliche Entbehrungen durchlebt: den Verlust von Verwandten und Freunden, mehrjährige Trennungen von ihren Angehörigen, sehr frühes Erwachsenwerden und Erziehung im Geiste der Kriegszeit. Dennoch inspirierten sie uns durch ihr Beispiel, wie sie der Gesellschaft dienen oder ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen. Sie motivierten uns, unsere Persönlichkeit im Kreativen oder im Dialog mit anderen zu entfalten. Am meisten beeindruckten mich die Minuten, in denen wir gemeinsam Gedichte lasen oder hörten. Mir scheint, dass ich früher kaum jemals so viel Zeit gefunden habe, um mich von Neuem mit jemandem in die Zeilen russischer Dichter von Nekrassow bis Mandelstam einzudenken und einzulesen; oder aber gemeinsam vergessene Lieder aus den 60ern zu singen.“

Maria Gagrjanz, russische Teilnehmerin des Freiwilligenprogramms im Herbst 2021.

„Was für wunderbare deutsche Teilnehmer wir hatten! Schon im ersten Stadium des Programms wurde deutlich, dass sie darauf eingestellt waren, ganz tief in das Thema Blockade einzutauchen: Die deutschen Freiwilligen stellten im Geschichtskurs die meisten Fragen. Einige von ihnen entschieden sich sogar später, mehrere Projekte gleichzeitig vorzubereiten. Alle wollten so viele Ideen verwirklichen, damit die Erinnerung an die Blockade weiterlebt!“

Lisa Smirnych, russische Teilnehmerin des Freiwilligenprogramms im Herbst 2021.

„Der Kontakt mit unseren russischen Mitfreiwilligen hat mich durch gemeinsame Interessen, eine große Offenheit und Neugier und gemeinsam verbrachte Freizeit sehr bereichert und inspiriert, was sich z.B. in den Gesprächen, die ganze Nächte dauerten, oder den unabhängig vom Programm und selbst organisierten Ausflügen und Unternehmungen z.B. in die altrussische Stadt Nischni Nowgorod zeigte. Durch gemeinsam verbrachte Team- und Arbeitswochenenden in der Natur, die gemeinsame Planung und Organisation von Veranstaltungen und die Arbeit in gemischten Kleingruppen an gemeinsamen Projekten, kurzum also durch das gemeinsame Bewältigen von Aufgaben über einen intensiven Zeitraum hinweg und die ohnehin schon bestehenden Gemeinsamkeiten hatte ich das Gefühl, sehr eng mit unseren russischen Mitfreiwilligen zusammengeschweißt worden zu sein.“

Niclas Krümmling, deutscher Teilnehmer des Freiwilligenprogramms im Herbst 2021.

„Die Arbeit an den zwei Projekten, Kurzfilm und Erinnerungskultur, hat mir Spaß gemacht, weil ich wirklich das Gefühl hatte, selbst etwas sinnvolles beitragen zu können. Beide Projekte waren zeitintensiv und haben mich gefordert. Die letzten zwei Wochen war es wirklich viel Arbeit und Stress. Wir konnten und mussten sehr selbständig arbeiten und das finde ich gut. Als wir unsere Projekte am 15. Dezember dann feierlich präsentiert haben, war ich sehr stolz. Es hat mich wirklich fasziniert und begeistert, was die anderen Gruppen für unglaublich schöne und spannende Ideen umgesetzt haben. Ich bin mir sicher, dass unsere Arbeit in der Akademie und mit den Menschen uns bei den Projekten inspiriert und getragen hat. Diese Projekte können wirklich helfen, das Erinnern in Deutschland zu verändern und auf die Blockade aufmerksam zu machen und damit ist für mich ein zentraler Baustein des Programms erfüllt worden.“

Franka Marie Bernreiter, deutsche Teilnehmerin des Freiwilligenprogramms im Herbst 2021.

„Bei dem Reflexionsausflug fragte eine Freiwillige, ob wir uns wieder für diesen Dienst entscheiden würden, und meine Antwort ist instinktiv: Ja! Der Freiwilligendienst der Humanitären Geste ist zweifellos eine außergewöhnliche Möglichkeit, um junge Menschen näher an die deutsch-russische Geschichte heranzuführen und gleichzeitig die deutsch-russische Freundschaft zu pflegen. Ich fühle mich am Ende des Dienstes informiert über die Leningrader Blockade, St. Petersburg als Stadt und die Menschen, die dort leben. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte.“

Lena Ammen, deutsche Teilnehmerin des Freiwilligenprogramms im Herbst 2021.

Dies sind nur einige der Hauptpunkte, die sich in den Erfahrungsberichten zum Teil wiederholten: von den Ängsten zu Beginn des Programms bis zum freudigen Stolz am Ende, über die Bedeutung von Kommunikation, den Zauber der Begegnungen mit den Blockadeüberlebenden, die gemeinsame Arbeit der deutschen und russischen Freiwilligen (zwischen denen es lediglich eine gedankliche Trennlinie gab), den mit selbstständiger Arbeit gefüllten Projektmonat sowie den Wert der gemachten Erfahrungen.

Fast scheint es, als wäre in diesen dreieinhalb Monaten alles ideal gelaufen. Das war bei weitem nicht der Fall. Es gab Schwierigkeiten, Fragen, Missverständnisse und pandemiebedingte Einschränkungen. Ein Programm ist wie ein kleines Leben. Nicht alles verläuft darin glatt, aber aus allem kann man wichtige Lehren ziehen. Erfahrungen müssen reflektiert und warme Erinnerungen bewahrt werden.